In Nachbars Garten
Barbara Honigmann:
Bilder von A.
Hanser Verlag, 2011
978-3-446-23742-1
Ist dies eine Erzählung, eine autobiographische Reflexion, ein Buch über Bilder? Es ist alles dies und noch einiges mehr bei einem schmalen Umfang: Eine Geschichte der Kulturszene der 60er und 70er Jahre in der DDR, eine großartige und traurige Liebesgeschichte, das Protokoll einer Suche nach jüdischer Identität.
Die scheinbare Unmittelbarkeit, mit der Honigmann alle ihre Bücher beschreibt, ist durchaus auch als Kunstgriff zu werten, der uns das von ihr Gechilderte in sehr lebendiger Weise nahebringen kann. (Christiane Krause - 11/11)
Sabine Bode: Nachkriegskinder
Die 1950er Jahrgänge und ihre Soldatenväter
Verlag Klett-Cotta, 2011
978-3-608-94678-9
Poträts von Menschen, die in den Jahren von 1945 bis in die frühen 60er Jahre geboren wurden, deren Leben unter Einfluß der Soldatenväter stand und steht: Themen sind das Verschweigen der Nazivergangenheit, das Verleugnen der Erfahrungen von extremer Gewalt, der Lüge über Täterschaft.
Der Band genügt sicherlich keinen wissenschaftlichen Ansprüchen und ist in einigen Punkten politisch ziemlich konventionell, bietet aber beindruckende und bedrückende Lebensgeschichten, die zeigen, wie massiv generationelle Übertragungen sich auswirken. (Christiane Krause - 11/11)
Harry Mathews: Mein Leben als CIA
Chronik des Jahres 1973. Autobiografischer Roman
Urs Engeler Editor, 2006
ISBN 978-3-938767-12-2
Harry Mathews ist Schriftsteller und eines der wenigen englischsprachigen Mitglieder von Oulipo – Ouvroir de littérature potentielle, Werkstatt für potentielle Literatur – mit Kollegen wie Georges Perec oder Raymond Queneau. Harry Mathews ist aber auch CIA-Agent. Doch, wirklich wahr. Zumindest wird er zu einem gemacht und macht sich selbst dazu. Und am Ende ist er Reiseberater für legasthenische Weltenbummler, hat Freunde, die es nicht gibt, und wird von einer einarmigen israelischen Agentin und einem Schäferehepaar in den französischen Alpen gerettet. Dazwischen trifft er in Paris seine Schriftstellerkollegen, wird von rechtsradikalen Intellektuellen als Sündenbock missbraucht und erlebt transzendentale sexuelle Eskapaden mit geheimnisvollen Frauen. Und das alles auf 282 Seiten, völlig autobiographisch und ein großer Spaß. (Judith Heckel - 08/11)

Karin Kersten: An Schlaf war nicht zu denken
Klöpfer & Meyer, 2011
ISBN 978-3-86351-003-9
"Wetz deine niederträchtige Zunge nicht an Lotte, Söhnlein! Nimm deine Tasche und geh." Die hier spricht, ist Oda Lieberos, ihres Zeichens Erbin und Eigentümerin der "Agentur Sphinx", vormals "Detektei Sphinx". Der hier gefeuert wird, ist Leo Bonte, nervtötender, aber unentbehrlicher Mitarbeiter. Und bei Lotte handelt es sich um Mitarbeiterin Lotte Matern, Expertin für die Aktenschränke und Geschichten der Agentur, vormals Detektei, bzw. um "Lotte, du patinierter Traum", wie Chefin Oda sie bedenkt. Die Konstellation ist also denkbar einfach: Kleine Detektivagentur, Sittendelikten abgeneigt und daher stets mit Auftragsflaute ("die Sache mit dem Weimaraner" als einer der größten Aufträge im Gedächtnis der Angestellten), soll die verschwundene Mutter eines alten Freundes der Chefin wiederfinden. Die wiederum ihre verschwundene alte Freundin sucht und dabei Spuren ihres früheren gemeinsamen Lebens wiederentdeckt. Einfach ist bei Karin Kersten allerdings nie etwas, und das Einfache schon gar nicht. Wie in ihren früheren Romanen baut sie Fallen mit ihrer vordergründig so geraden Sprache, die unvermutet Kapriolen schlägt und viele verschiedene befremdliche Töne annimmt. So wird nicht nur eine alte Frau gesucht und ein Auftrag erfüllt, sondern es werden Leben gelebt, Leben erinnert, Leben geändert, Ängste ausgestanden und überwunden. Dabei schreibt Kersten ihren Figuren die alltäglichen Sorgen und Gedanken so eigen und befremdend zu, dass sie interessieren, irritieren, einladen und abstoßen zugleich. Nur Claire und Mette, die beiden alten Frauen, die ihre Leben gelebt haben und noch nicht bereit sind, damit aufzuhören, dürfen klar und voller Witz direkt an uns heran. (Judith Heckel - 08/11)

Peter Kurzeck: Übers Eis
Stroemfeld/Roter Stern, 1997, 2. korr. Aufl. 2011
ISBN 978-3-87877-580-5
Eigentlich sollte an dieser Stelle "Vorabend" empfohlen werden, das neueste Werk aus Peter Kurzecks Romanprojekt "Das alte Jahrhundert". Aber Vorabend ist a) noch nicht zu Ende gelesen und b) empfehlen es ohnehin gerade alle Rezensentinnen und Rezensenten landauf, landab. Jetzt also "Übers Eis": als erster Band des auf zwölf Bände angelegten Zyklus über das alte Jahrhundert, die mäandernde Geschichte eines hessischen Dorfes in den Nachkriegsjahrzehnten, eines Lebens in Frankfurt am Main in den 1980er Jahren, die Geschichte Peter Kurzecks also, der erzählen muss, erzählen – "Erzähl, Peta!" fordert die Tochter, Carina, die wir auch neu kennenlernen in jedem Buch, als Dreijährige, Vierjährige. Muss seine Geschichte aufschreiben der Kindheit in Staufenberg, der Jahre in Frankfurt, der Freunde, der Lieben, der Trennungen. Immer wieder und immer von neuem scheinbar das Gleiche erzählen, die Wohnung mit Sybille, die Kammer, in die er nach der Trennung unterschlüpft, den Weg zum Kinderladen, zu Jürgen und Pascale in Eschersheim, und muss immer wieder erzählen, wie er erzählen muss, wie er sich ganze Bücher erzählt auf seinen Wegen durch die Stadt und über die Felder. Deshalb lassen sich die fünf bisher erschienenen Romane der Reihe auch durcheinanderlesen, nacheinander, miteinander, 50 Seiten hier, 100 Seiten da, und man glaubt zunächst, alles schon zu kennen, schon zu wissen, wie es weiter geht, die Geschichten doch schon gehört zu haben, aber dann ist der Blick auf einmal neu und das Alte sieht ganz anders aus. Kurzeck ist besessen vom Erzählen, radikal auf eine Weise, die kein Anliegen hat, keine "Botschaft" außer der, dass "die ganze Gegend" erzählt werden muss, "die Zeit". Durch die ein Wirbel entsteht, der einen um die Dinge schleudert und alles hundertmal und immer wieder neu an uns vorbeiziehen lässt. (Judith Heckel - 08/11)
Ian McEwan: Ein Kind zur Zeit
Diogenes, 1991
ISBN 978-3-257-21929-6
Stephen hat im Supermarkt seine kleine Tochter verloren. Julie, seine Frau, zieht sich von ihm zurück. Er selbst sucht obsessiv nach seinem Kind, gerät in eine Welt, in der Bettler Lizenzen haben müssen -und landet als Schriftsteller in einer Regierungskommission, die Richtlinien für die Kindererziehung aufstellen soll. Zwei Jahre lang bewegt er sich in einer absurden Innen- und Außenwelt, bis er die Liebe zu seiner Frau wiederentdeckt. Trocken und mit Selbstironie inszeniert, elegant geschrieben – auch über 20 Jahre nach seinem Entstehen ein großer Lesegenuss. (Christiane Krause - 05/11)

Joseph Mitchell: McSorley's Wonderful Saloon. New Yorker Geschichten
diaphanes, 2011
ISBN 978-3-03734-141-4
Joseph Mitchell gehörte zu den angesehensten und wichtigsten US-Amerikanischen Reportern des 20. Jahrhunderts. Ab 1938 schrieb er regelmäßig für den "New Yorker". Eine Sammlung der dort zwischen 1938 und 1955 erschienenen Reportagen liegen nun seit Anfang des Jahres in dem von diaphanes veröffentlichten Band "McSorley's Wonderful Saloon" auch dem deutschsprachigen Publikum vor. Mitchell war nicht nur ein begnadeter Reporter, sondern ein mindest ebenso brillianter Zuhörer, dem es immer wieder gelang, die von ihm porträtierten Menschen selber zu Wort kommen zu lassen. Und so begibt man sich beim Lesen der Reportagen auf eine Stadtrundfahrt, die einen erahnen lässt, warum New York den Ruf als "the most beautiful city of the world" zumindest einmal zurecht hatte. Man begleitet einen wortgewaltigen Straßenprediger, für den es vom Ausschank von Limonade, nur ein kleiner Schritt bis zu den Kneipen, in denen Whiskey und andere alkoholische Getränke verkauft werden, und damit zum Delirium tremens ist. Auch lernt man Joe Gould kennen, genannt"Professor Möwe", einem Obdachlosen, der seit Jahren einem Buch mit dem Titel "Eine mündliche Geschichte unserer Zeit" schreibt, sondern auch ein ausgewiesener Freund von E.E.Cummings (dieser hat sogar ein Gedicht über Gould verfasst) ist. New York war zumindest zu Mitchells Zeiten, so scheint es, bevölkert von hochbegabten Kindern, exzentrischen Kinobesitzerinnen, schwindelfreien Indianern, und selbstverliebten Kapitänen, die wohl nie wirklich welche waren. So wird New York beim Lesen von Mitchells Reportagen zum Ort mit den eigenwilligsten, verrücktesten und liebenswertesten Menschen jener Zeit und Welt. (Nicole Grabert - 04/11)

Michel Georges-Michel: Die von Montparnasse
Walde + Graf, 2010
ISBN 978-3-03774-002-6
Original: Les Montparnos, 1924
1924 war das Künster-Bohème-Leben in Montparnasse schon dem Untergang geweiht - die alten Spelunken und Straßencafés wie das legendäre "Café Rotonde" wurden zum Ziel von Touristen, Neugierigen und "Szenegängern" (die es auch 1924 in Paris schon gab). "Die von Montparnasse" erzählt aus den Jahren davor, in denen Künster/innen, Huren und Modelle Tage und Nächte vor einem erbettelten Glas Wein oder Kaffee im Rotonde verbringen und die Luft flirrt vor Ideen, Streits und Verzweiflung. Erzählt wird die Geschichte des Malers Modrulleau (der Züge von Amedeo Modigliani trägt), seiner Gefährtin Haricot Rouge und all den Künstlern und Künstlerinnen, die sich um sie scharten. Es ist eine Geschichte von künstlerischer Besessenheit, Armut und Wahnsinn, Modrulleau stirbt in Elend und Alkohol, seine Bilder, die niemand versteht, werden für ein paar Francs verscheuert. Und dennoch durchzieht den ganzen Roman das Gefühl, das sich bereits im Klappentext findet: "Wer einmal den Fuß in unser Café gesetzt hat, der ist ein für alle mal mit dem infiziert, was wir Maler die "Pest von Montparnasse" nennen. Das ist nicht die Syphilis oder sonst eine Krankheit, sondern viel schlimmer: eine nicht bekämpfbare seuchenartige Sehnsucht nach diesem Ort, der im Augenblick einer der interessantesten auf dem Erdball ist." (Judith Heckel - 04/11)

Katherine Anne Porter: Das Narrenschiff
Manesse, 2010
ISBN 978-3-7175-2220-1
Original: Ship of Fools, 1962
Fast 700 Seiten lang fahren wir, zusammen mit 50 Erster- und Zweiter-Klasse-Passagieren und 860 spanischen Zuckerrohrarbeitern im Unterdeck, 1932 von Vera Cruz nach Bremerhaven, auf einem Frachter des Norddeutschen Lloyd. Wir teilen die Kabinen mit einem jungen amerikanischen Paar, kubanischen Studenten, einer verbannten Aristokratin und vor allem mit einer Reihe in Mexico arbeitenden deutschen Unternehmern, Hoteliers, Rechtsanwälten, Lehrern und furchtbaren Wichtigtuern und Besserwissern. Katherine Anne Porter wollte in ihrem Mikrokosmos in erster Linie eine Reihe unverträglicher Charaktere aufeinanderprallen lassen - wir können genüsslich dabei zuschauen, wie freizügige Künstler mit verkniffenen Matronen zusammenstoßen, wie drei junge Studenten sexuelle Verwirrungen anrichten oder wie eine hochnäsige Abendgesellschaft von der Tanztruppe aus dem Unterdeck gehörig über den Tisch gezogen wird. Vor allem aber ist das Narrenschiff ein Schiff, das ins prä-nationalsozialistische Deutschland fährt, und an Bord hat es die Menschen, die ein Jahr später auf den Straßen jubeln und marschieren werden. Unter den deutschen Passagieren herrscht ein verächtlicher Antisemitismus und eine kleinbürgerliche Überzeugung, besser und anständiger zu sein als all das Ausländerpack, mit dem man sich noch so abgeben muss. So ist das Narrenschiff ein satirischer Gesellschaftsroman, manchmal sogar eine Screwball-Komödie, aber eine, die wachsam gesellschaftliche und politische Verhältnisse kritisiert.
(Judith Heckel - 04/11)

Joshua Ferries: Ins Freie
Luchterhand Verlag, 2010
ISBN
978-3-630-87297-1
Tim Farnsworth gehört zu jenen Menschen, von denen die meisten sagen würden, dass es ihm an nichts fehlt. Glücklich verheiratet mit Jane, Vater einer pubertierenden Tochter und geschätzter Partner einer angesehenen New Yorker Anwaltskanzlei. Ein Leben, von dem viele träumen!!! Ein Leben, das auch Tim genießen würde, gäbe es da nicht diese sonderbare, alles zerstörende, durch nichts zu erklärende Krankheit, unter der er leidet. Eine Krankheit, die ihn immer wieder, oft nach Jahren der Pause, und deshalb umso grausamer "überfällt". Eine Krankheit, die dazu führt, dass Tim sich gezwungen sieht, all das zu zerstören, was er liebt, seine Arbeit, seine Familie, seine gesellschaftliche Stellung. Kurzum seine ganzes bisheriges Leben, in dem Glauben, dass es besser für ihn zu (er-)tragen sei, sich dieser Krankheit permanent "hinzugeben" , als immer wieder erfahren zu müssen, dass sie manchmal nur "ruht", jedoch irgendwann immer wieder zurückkehren wird. Ein sehr beeindruckendes, tief trauriges Buch. All jenen zu empfehlen, denen die in immer größeren Mengen angeboten "Fast Food"- Lektüren zunehmend Verdauungsschwierigkeiten bereiten. (Nicole Grabert - 03/11)

Arno Camenisch: Hinter dem Bahnhof
Urs Engeler Editor, 2010
ISBN 978-3-938767-78-8
"Die Frau Muoth fährt einen VW Cäfer. Ihr VW Cäfer ist weiss. Die Frau Muoth redet nicht Romanisch, nur Tütsch, Romanisch muss sie auch nicht können, sie redet fast nie und so kann sie das, was sie sagt, auch auf Tütsch sagen, das versteht man im Dorf auch. Ihr VW Cäfer ist so laut, sagt der Mehaniker, weil die Frau Muoth nur im ersten Gang fährt. Punct Viertel vor zwölf stehen die Leute im Dorf ab von der Strasse, weil die Frau Muoth wie eine Raketa durchs Dorf fährt, um zu ihren Bienen zu kommen. Punct Viertel nach eins stehen die Leute wieder auf der Seite. Dann fährt die Frau Muoth in die andere Richtung durchs Dorf." Zwei Jungen leben in einem Dorf in Graubünden, mit Vater, Mutter, Tatta und Tat, einem Rechenmacher, mit ihren Kinkelis im Käfig im Garten, mit der Tante, die den Gasthof Helvezia betreibt, mit Marina und Anselmo aus Italien, die in der Stube unter dem Dach wohnen, und mit Frau Muoth und ihren Bienen. Das Dorf ist klein - "Bis wir durchs ganze Dorf sind, haben wir fünfundzwanzig Häuser gezählt, acht Heustalls, eine Autogarascha, eine Töffgarascha, den Bahnhof mit der Poscht, zwei Brunnen mit Jahreszahl, die Halla und die Buda vom Tat, eine Telefoncabina, den Kiosk der Mena und vier Abfallconteiners." - und auch das Leben scheint klein und überschaubar für die Kinder wie für die erwachsenen Bewohner. Aber Arno Camenisch, der junge Autor, der auf deutsch und rätoromanisch schreibt, erzählt in seiner eigenen, zarten, witzigen, manchmal bockigen Sprache von dem Ort Hinter dem Bahnhof, der eine ganze Welt ist. (Judith Heckel - 03/11)

Karen Duve: Anständig essen. Ein Selbstversuch
Galiani, 2010
ISBN 978-3-86971-028-0
Karen Duve hat ein Jahr lang verschiedene Ernährungsweisen ausprobiert, angefangen mit ausschließlich ökologisch erzeugten Lebensmitteln über vegetarische Nahrung und Veganismus bis zur frutarischen Lebensweise. Es ist sehr vergnüglich zu lesen, wie schwierig es ist, mit alten Gewohnheiten zu brechen , wie befremdet die Umwelt reagiert, wie kompliziert es sein kann, Nahrungsmittel zu besorgen bzw sich im Geflecht formulierter und unausgesprochener Regeln zu bewegen. Tierbefreiungsaktionen werden beschrieben – so kann moralisches Handeln also auch einen Hauch von Abenteuerspielplatz bekommen. Jedoch befremdet nachhaltig, daß die Implikationen von Vegetarismus und Veganismus, wenn sie NUR moralisch und nicht auch politisch begriffen werden, ignoriert werden können: daß der Verzicht der Veganerinnen auf jegliches tierische Produkt, zb, was Kleidung angeht, eine faktische Unterstützung der Erdölindustrie ist, kommt ebenso wenig vor wie die Problematik, die die Ausdehnung des Sojaanbaues mit sich bringt. Aber vielleicht ist das Buch gerade deswegen ein so unbefangener Genuß, weil Karen Duve sich eben nicht an irgendeine Art von Anstandsregeln hält, sondern nachvollziehbar erzählt, was passiert, wenn man das Leben zum moralischen Selbstversuch macht. (Christiane Krause - 03/11)

Jürgen-Thomas Ernst:
Anima
braunmüller literaturverlag, 2010
ISBN
978-3-99200-015-9
Mit Anselm Ender meint die Welt es von Anfang an nicht gut. 1866 wird er in einer feuchten Kellerwohnung in Hohenems in ärmste Verhältnisse hineingeboren. Körperliche Besonderheiten, ein sehr großer Mund und ein kreuzförmiges Muttermal, führen dazu, dass die Menschen in seiner Umgebung, geprägt von viel Aberglauben und alltäglicher Gemeinheit - jeder ist sich selbst der Nächste und versucht vermeintlich die zu treten, die man als unter sich stehend empfindet - ihn von Anfang an zu einem Ausgestoßener machen. Und so wird er auch von den Eltern die ersten vier Lebensjahre in einem Holzverschlag im Hinterhof wie ein Tier gehalten. Eines Nachts jedoch obsiegt der Bewegungsdrang des Kindes. Anselm tritt die Rückwand des Holzverschlags ein und fängt an stundenlang, in einem aufsehenerregenden Tempo, durch das Vorarlberger Riedland zu rennen. Etwas, was er von nun an, egal wohin das Leben ihn verschlägt, immer wieder tun wird. Anima erzählt die Geschichte eines Menschen, der neben allen Makeln, mit einer ganz besonderen Gabe versehen wurde. Einer Gabe, die nicht zu Ruhm, Ehre und Anerkennung eines geschundenen Menschen führt. Vielmehr hilft sie ihm dabei, die extrem menschenverachtenden wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, denen er immer wieder ausgesetzt ist, besser zu tragen. Eine Erfolgsstory der besonderen Art, wie Anselms Gabe. (Nicole Grabert - 03/11)

Jeff Lemire: Geschichten vom Land - Essex County, Bd.1
Edition 52, 2010
ISBN 978-3-935229-75-3
Ein Junge mit Superhelden-Cape und ein ehemaliger Eishockey-Spieler, der seit einem Unfall "irgendwie anders, so langsam" ist, eine verwitwete Gemeindeschwester und ein Bruderpaar bei den Toronto Grizzlies, die Kinder eines Waisenheims und die Krähe des Hausmeisters - alle ihre Geschichten verbinden sich in der Trilogie "Essex County", einem Landstrich in Ontario, Kanada. Der zehnjährige Lester lebt nach dem Tod seiner Mutter auf der Farm seines Onkels und versinkt in Superhelden- und Alienwelten und einer großen Einsamkeit, bis er sich mit dem kauzigen Tankstellenwärter Jimmy befreundet... Zwei Brüder werden gemeinsam alt auf ihrer Farm in einer sprachlos verkorksten Beziehung zueinander - früher waren sie beide Eishockey-Stars, bis sich der eine in die Frau des anderen verliebte... In harten klaren Strichen zeichnet Lemire diese ländliche Welt aus Hühnerfüttern, Hockeyspielen und Einsamkeit mit ihren sprachlosen, traurigen, liebenswerten Gestalten, die man gar nicht mehr ziehen lassen möchte am Ende des dritten Bandes. (Judith Heckel - 03/11)
(Alle drei Bände liegen in einer Gesamtausgabe bei Top Shelf Productions auf Englisch vor, der 1. Band ist in deutscher Übersetzung bei Edition 52 erschienen, dort sind die Bände 2 und 3 in Vorbereitung.)

Tajjib Salich: Zeit der Nordwanderung
Lenos Verlag,
2010 (EA 1998)
ISBN
978-3-85787-739-1
Ineinander verwoben werden hier die Geschichten zweier Männer aus dem Sudan erzählt, deren Leben durcheinander gekommen ist, indem sie sich weit von traditioneller afrikanischer Lebensweise entfernt haben. Hier werden exemplarisch die Folgen der Kolonisierung und Modernisierung des Kontinents in all ihren Widersprüchen beschrieben. "Ich fühle ihnen gegenüber eine Art Überlegenheit, schließlich wird das ganze Ritual eigentlich meinetwegen veranstaltet, und ich bin vor allem anderen ein Kolonialist, ich bin der Eindringling, über den eine Entscheidung gefällt werden muß." Dies sagt einer der beiden, Mustafa Said, der in Europa wegen des Mordes an seiner Ehefrau zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt worden war, nachdem er in den Sudan zurückgekehrt ist, wo er ein unauffälliges und vergangenheitsloses Leben in einem Dorf zu führen versucht. Seine Geschichte wird uns erzählt vom Ich-Erzähler, der wie Said in Europa studierte und ein erfolgreicher Verwaltungsbeamter geworden ist, der einmal im Jahr für einige Wochen seinen Herkunftsort besucht. Dort trifft er auf Mustafa Said, der bei einer großen Flut umkommt, dort begegnet er auch seinem Großvater wieder, der ein traditioneller, fröhlicher alter Mann ist, dort gibt es alkoholtrinkende Moslems und Frauen, die unglaublich viel Spaß an Sex haben..... Dies ist allerdings kein pittoresker Afrika-Roman, sondern eine multiperspektivische Schilderung einer Gesellschaft im Umbruch, die mit den Veränderungen, die sie teilweise selbst hervorbringt, kaum Schritt halten kann. (Christiane Krause - 03/11)
Günter Herburger: Trilogie der Verschwendung. Band 3: Der Tod
A1 Verlag, 2006
ISBN 978-3-927743-85-4
Im Herbst 2010 erschienen neue Gedichte von Günter Herburger. Ein Grund, noch einmal einen Blick in seine 1994 begonnene und 2006 vollendete »Trilogie der Verschwendung« zu werfen – eine Trilogie der Verschwendung von Wort und Bild, von Assoziation, Wortwitz, Spitzfindigkeit und Melancholie. In den Photonovellen von »Der Tod« nimmt Günter Herburger uns mit nach Manhattan, Petra und Eiderstedt: jede Seite des Buches lässt aus Bild und knappem Text eine neue Welt entstehen und untergehen. »Zwischen Westerhever, Augustenkoog, Osterhever und Oldenswort verdienen die Bauern auch am Fremdenverkehr, weshalb Enten fürs Gemüt der Gäste ebenfalls ein Haus gebaut wurde. Wasservögel benützen es aus Verachtung nicht, fliegen weiter zum Mekhong.« (Judith Heckel - 05/10)

Jean Daive: Unter der Kuppel
Urs Engeler Editor, 2009
ISBN 978-3-938767-56-6
1960 erhält Paul Celan den Georg-Büchner-Preis und bedankt sich bei der Preisverleihung mit seiner Rede "Der Meridian" dafür. Will man so vermessen sein und diese Rede kurz zusammenfassen, so könnte diese Zusammenfassung vielleicht so lauten: Ein Gedicht sucht als ein ICH die Begegnung mit einem DU (dem Lesenden). Ja das Gedicht als solches benötigt diese Form der Begegnung. Wenn es dann wirklich zu einer derartigen Begegnung gekommen ist, dann, ja dann kommt es vielleicht, ausgelöst durch diese Begegnung, noch zu dem, was Celan als die Begegnung mit dem "Ganz Anderen" bezeichnet. Vielleicht. Um eine Begegnung geht es auch dem Dichter Jean Daive in seinem bei Urs Engeler erschienenen Buch "Unter der Kuppel", und zwar um seine Begegnung mit Paul Celan. Daive schreibt /beschreibt diese Begegnungen, es waren mehrere, die in den späten 60ern stattgefunden haben, nachdem Celan durch das Lesen von Daives Gedichten auf diesen aufmerksam geworden war. Er versucht Gespräche wiederzugeben, beschreibt gemeinsame Spaziergänge, aber auch scheinbar banale Dinge (Celan beim Kauf einer Zeitung, usw). Es ist ein leises Buch, ein suchendes Buch. Ein Buch, in dem Daive den gelungenen Versuch unternimmt, mittels seiner Erinnerungen einem Menschen und einem Lyriker erneut zu begegnen, der es einem im Leben weder als Mensch noch als Lyriker immer leicht gemacht haben muss, ihm zu begegnen. Obwohl er, so mag es (manchmal) scheinen, nichts sehnlicher gesucht hat. (Nicole Grabert - 11/09)